Antidiskriminierungsstelle auf Abwegen – Die ADS braucht einen klaren politischen und personellen Neuanfang!

Bizarre Politik/28. April 2009/Bundestagsfraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN:

Merkwürdiges im Hause von Frau Dr. Köppen

Öffentliche Polemik gegen den Ausbau des Diskriminierungsschutzes, ansonsten aber Leisetreterei: Die 2006 im Ministerium von Ursula von der Leyen eingerichtete „Antidiskriminierungsstelle des Bundes“ (ADS) betreibt eine bizarre Politik.

Die Antidiskriminierungsstelle soll eine wichtige Rolle im Kampf gegen Diskriminierung in der Arbeitswelt, im Alltags- und Geschäftsleben einnehmen und die Umsetzung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes befördern. Als erste Aufgabe nennt das Gesetz die Unterstützung von Menschen, die wegen des Geschlechts, der ethnischen Herkunft, des Alters, der sexuellen Identität, der Religion oder Weltanschauung oder wegen einer Behinderung von Benachteiligungen bedroht sind.

Merkwürdige Verquickungen
Viele Menschen, Verbände, Initiativen und Gewerkschaften engagieren sich seit langem gegen Diskriminierung. Bei ihrer Tätigkeit soll die ADS daher Nichtregierungsorganisationen und Fachleute einbeziehen. Dafür wurde im Gleichbehandlungsgesetz eigens ein Beirat vorgesehen, der den Dialog mit VertreterInnen der Zivilgesellschaft fördern und die ADS beraten soll. Dieser Beirat aus der Zivilgesellschaft ist aber weitgehend kaltgestellt. Die von der Bundesfamilienministerin ernannte Leiterin der ADS, Dr. Martina Köppen, hat parallel eine im Gesetz gar nicht vorgesehene so genannte „Wissenschaftliche Kommission“ einberufen. Ziel deren Arbeit ist ein ebenfalls nicht im gesetzlichen Aufgabenkatalog der ADS enthaltenes „nachhaltiges Bündnis mit der Wirtschaft“.

Herausgekommen ist nur eine nachhaltige Unterstützung einzelner Wirtschaftsunternehmen. Eine Anfrage von Volker Beck hat erstaunliche Praktiken aufgedeckt, z.B. dass ein „Institut für Rechtsmodellierung und Compliancemangagement – ifRC – GbR“, bei dem ein Mitglied der „Wissenschaftlichen Kommission“ der ADS Gesellschafterin ist, einen Auftrag von rund 150.000 Euro für das ziemlich exotische Vorhaben eines Schulungstools „Rechtsmodellierung“ einheimste.

Die Leiterin der ADS, Dr. Martina Köppen, früher Lobbyistin für die Katholische Bischofskonferenz, gönnt sich zur persönlichen Entlastung für die interne Arbeit eine zusätzliche „leitende Beamtin“ und für Grundsatzentscheidungen und Außenvertretung auch noch externe „strategische Beratung“ durch eine Agentur in der Höhe von monatlich rund 20.000 Euro! Man fragt sich, was macht Frau Köppen eigentlich selbst den lieben langen Tag?

Viel Geld für Nichts
Über fachliche Kompetenzen der mit „strategischer Beratung“ beauftragten Firma oder etwaige Vorerfahrungen auf dem Gebiet der Antidiskriminierungsarbeit kann oder will Frau Dr. Köppen dem Parlament nichts sagen. Die entsprechende Frage wurde in der Sache nicht beantwortet. Die gleiche wirtschaftsnahe Agentur erhielt übrigens nochmals rund 100.000 Euro für „Medientraining/Coaching“ der Antidiskriminierungsstelle.

Die Imagepflege in eigener Sache wird viel wichtiger genommen als die Information der von Diskriminierung Betroffenen oder Gefährdeten. Auf eine Sammlung von Urteilen, die nach dem AGG oder den Europäischen Antidiskriminierungsrichtlinien bislang ergangen sind, wartet man beispielsweise bis heute vergebens. Die Leitung der Antidiskriminierungsstelle hat offenbar kein sonderliches Interesse daran, dass Betroffene zu ihrem Recht kommen.

Gebracht hat die ganze Geldverschwendung nichts. Nicht einmal der groß angekündigte „Pakt mit der Wirtschaft“ ist bislang zustande gekommen. Auf unsere Frage hin konnte Frau Dr. Köppen kein einziges Ergebnis benennen. Sie hat die ADS auf ein Abstellgleis geführt: falsche Prioritätensetzung, peinliche Liebedienerei gegenüber der Wirtschaft, die ihr dennoch die kalte Schulter zeigt. Die ADS braucht einen klaren politischen und personellen Neuanfang.
Quelle: www.gruene-bundestag.de/

Eine Antwort zu “Antidiskriminierungsstelle auf Abwegen – Die ADS braucht einen klaren politischen und personellen Neuanfang!”

  1. hallo,nur zur kenntis uns geht es in der kirche ähnlich.
    mfg
    robi
    von Karl Ruhner (Einfügungen / Weglassungen / L.Drat)

    Anpassung, Einschüchterung, Kontrolle

    Mobbing findet auch in Institutionen statt, in denen man es am wenigsten erwarten würde:

    In den beiden großen Kirchen. Anders als in weltlichen Organisationen, hat das Kirchen-Mobbing ganz spezifische Strukturen. … Die brennenden Themen von Gesellschaft und Kultur theologisch zu durchdringen, ist in den Gemeinden wenig gefragt. So schmort Johannes B. im eigenen Saft und verbringt den Hauptteil seiner Arbeit mit Herausputzen einer schönen Fassade mittels Programmheften. Johannes B. ist Opfer einer speziellen Mobbing-Form, die nirgends so wirkungsvoll und eigendynamisch ist wie in den beiden großen Kirchen, insbesondere der katholischen Kirche: das anonyme Mobbing.

    Anonymes Mobbing kennt im Unterschied zu gängigen Mobbing kein Subjekt. Es lässt sich niemand dingfest machen, der einen anderen mobbt. Es gibt keine Person, auch keine Führungskraft, die den Psychokrieg entfesselt. Die Methoden des anonymen Mobbings: Qualifizierte Mitarbeiter erhalten in regelmäßigen Abständen Nüsse zum Knacken und zur vermeintlich qualifizierten Beschäftigung. Papieren, Konzepte, Rahmenrichtlinie, Pläne und Materialien müssen ausgearbeitet werden. Beliebt sind auch regelmäßig wiederkehrende Pflichtkonferenzen und Arbeitskreise, die nur den einen Sinn haben, die These der Managementliteratur zu belegen, dass das Besprechungswesen meist nur heiße Luft und sonst nichts produziert. Ihre Funktion: Die Mitarbeiter sind vollauf beschäftigt, an ihren Ergebnissen ist das Kirchensystem nicht wirklich interessiert. Zermürbung, Desillusionierung, Anpassung der kritischen Mitarbeiter. Der System- und Machterhalt integriert die kritischen und loyal-distanzierten Menschen wie die Fürstenhöfe ihre Narren.

    Roswitha S. ist Erzieherin im katholischen Kindergarten eines niederbayerischen Dorfes. Als sie schwanger wird, will sie das Kind behalten, obwohl der Vater des Kindes sich aus dem Staub gemacht hat Nach ihrem Schwangerschaftsurlaub kehrt sie an ihren Arbeitsplatz zurück und muss feststellen, dass sie nicht mehr erwünscht ist. Der Gemeindepfarrer, die Kindergartenleiterin, der Vertreter des Caritasverbandes geben ihr zu verstehen, eine ledige Mutter sei mit den kirchlichen Moralvorstellungen nicht zu vereinbaren. Entweder sie legalisiere das Kind durch Heirat oder sie solle sich einen anderen Arbeitsplatz suchen:

    Moralisches Mobbing gibt es in ausgeprägter Form nur in Kirchen. Anders als beim Anonymen Mobbing lassen sich bei dieser Form des Mobbings meist auslösende Akteure ausmachen. Ist der Ball einmal ins Rollen gekommen, funktioniert das System jedoch wie von selbst. Die inquisitorischen, auf Sozialkontrolle und Entfernung von „Sündenböcken“ geeichten Traditionen der Kirchen erreichen auch in ihrer modernisierten Fassung außerordentliche Effektivität. So mancher Mitarbeiter wird durch das Moral-Mobbing zur Verstellung verleitet Eine undurchdringliche Moralwand steht um die schätzungsweise 30 bis 40 Prozent homophilen und homosexuellen Pfarrer und Pastoren, um die 30 Prozent alkoholkranken Geistlichen, um die 30 Prozent eß-, arbeits- oder sexsüchtigen Priester (wobei mehrere Merkmale auch auf ein und dieselbe Person zutreffen können). Nur was rauskommt, wird geahndet, wenn es nicht vertuscht werden kann. Die Methode des Moral-Mobbing: Zensierung der persönlichen Lebensform und Moral unter vier Augen bis zur skandalisierten Veröffentlichung angeblichen moralischen Versagens. Die Funktion: Die eigene, scheinbare moralische Überlegenheit soll gesichert werden, Zweifel und Emanzipationsversuche sollen abgewehrt werden der Schein der Anständigkeit soll gewahrt werden damit keine „Verfehlungen“ der Kirche bekannt werden. Letztendlich geht es also um Angstabwehr und um Verleugnung des Versagens. Die Wirkung: Anpassung und Einschüchterung von Mitarbeitern. Wer nicht spurt und nicht den kirchlichen Vorgaben folgt, verliert.

    Susanne D. hatte nach 20 Jahren kirchlicher Mitarbeit erstmals um eine Gehaltserhöhung gebeten. Der leitende Pfarrer bekundete Verständnis für ihren Antrag, meinte aber, dass Angesichts des Einbruchs der Kirchenfinanzen ihr Antrag zum falschen Zeitpunkt käme. Susanne D. machte den Vorgesetzten auf ihre gestiegene Qualifikation aufmerksam und bestand auf einer Höhergruppierung. Da wechselte der Pfarrer den Ton. Er erinnert die Mitarbeiterin an ein Gespräch, das mehr als 12 Jahre zurückliegt. Habe sie damals nicht tiefe Zweifel an Gott geäußert? Sagte sie nicht, dass sie Mühe habe, regelmäßig an der Gemeindefeier teilzunehmen? Statt um Gehaltserhöhung zu bitten, solle sie froh sein, dass dieses Gespräch nicht höheren Orts zum Thema gemacht würde.

    Susanne D’s Vorgesetzter praktiziert Pastoral-Mobbing.

    Diese Form der Schikane sorgt für nachhaltige Abhängigkeit der im kirchlichen Dienst Beschäftigten. Was in vertraulichen Gesprächen geäußert wurde, ist im Konfliktfall nicht vergessen. Die Methode des Pastoral-Mobbing: Der Vorgesetzte nutzt die Beziehungsebene zum Untergebenen aus. Durch Verhalten, Stimmlage, Kopfhaltung signalisiert er persönliches Verständnis spielt die Rolle des Seelsorgers (lat. Pastor). Auf diese Weise setzt er die Wünsche und Forderungen des Vorgesetzten geschickt durch. Die Funktion: Anpassung an patriarchale Überlegenheit. Die Wirkung: Der Konflikt wird schon im Vorfeld entschärft und aus der Kirche herausgehalten.

    Die drei typischen kirchlichen Formen des Mobbing das anonyme Mobbing, das Moral-Mobbing und das Pastoral-Mobbing – sind natürlich auch in anderen Institutionen zu beobachten. Aber nirgends sind sie so perfektioniert, so jahrhundertealt, so systemkonform wie in den Kirchen.

    Ohne diese drei Mobbing-Strukturen könnte vor allem die katholische Kirche ihren gesellschaftlichen Einfluss nicht mehr wahren.. Durch die hohe Zahl von Arbeitsplätzen in den Kirchen und ihren Unterorganisationen ist eine ganze Bevölkerungsgruppe in abhängiger Bevormundung gehalten. Die schlechte Arbeitsmarktsituation erhöhten den Anpassungsdruck noch. Dank des Kirchenmobbings ist es möglich, interne Kritiker und Abweichler ruhig zu halten. (An dieser Stelle wird deutlich auch ein potentieller Wettbewerbsnachteil des Arbeitgebers Kirche gegenüber Mitkonkurrenten bzgl. der Qualität prof. Arbeit ersichtlich – Angst verhindert u.U. Kreativität / Einsatzbereitschaft – /L.Drat)

    Das trifft nicht nur festangestellte Mitarbeiter, sondern auch ehrenamtliche. An ihnen wird deutlich, dass finanzielle Absicherung nur ein Aspekt ist, der die Menschen in der Kirche auf lange Sicht gefügig macht. Fast noch schwerwiegender ist die emotionale und spirituelle Bedürftigkeit, deren Erfüllung sich die Mitarbeiter durch ihr kirchliches Engagement erhoffen. Die macht lange Zeit blind für die doppelten Böden, für den Anpassungsdruck, die Sozialkontrolle, für Doppelmoral und Bigotterie.

    Hinter den typischen kirchlichen Mobbing-Phänomenen verbirgt sich ein unauflöslicher Konflikt. Im Versuch, das Reine, Makellose, Fehlerfreie, Gute zu fördern und zu verbreiten, geraten alle Zweifel, alle Skepsis, alles Suchen unter das Fallbeil der kirchlichen Gebote. Würde die Kirche die Unschärfe ihrer „Wahrheiten“ entgegenstehen und persönliche Freiheiten einräumen, dann würde sie ihre Identität als Institution des Eindeutigen, einzig Wahren und Göttlichen verlieren – so befürchten es jedenfalls die höchsten Amtsträger. Sie sind zum Opfer ihrer eignen Dogmenfalle geworden – und ähneln damit verblüffend in Mobbing-Strategie und Überzeugungen anderen Sektenvertretern. Um so erstaunlicher, dass die großen Kirchen Sekten zu bekämpfen vorgeben, während sie gleichzeitig eigene Sektenstrukturen fördern und mit Mobbing verteidigen. … Wer gegen Sekten und ihre Tricks, Menschen abhängig zu machen und zu halten, sie zu bevormunden und mundtot zu machen, angeht, bringt zwangsläufig auch fatale Strategien der eigenen Kirche zur Sprache. Damit schafft er Öffentlichkeit gegen Mobbing und für die Emanzipation der Menschen. Das lässt hoffen: auch die Mitarbeiter der Kirchen.

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